

"Glückliches Braunschweig! Deine Energieversorgung für die Zukunft ist gesichert. Ohne Strom aus Kernkraftwerken und schonend für das Klima. Und das alles bei bezahlbaren Preisen. Was will der Bürger mehr!" Einen solch positiven Ausblick in die nähere und weitere Zukunft wagte das Führungsteam von BS|ENERGY in einem Gespräch mit Udo Röhrig (Journalist) in der obersten Etage des Firmensitzes in der Taubenstraße. Anlass für diesen "Energiegipfel" war natürlich das neu errichtete Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk, ein wichtiger Baustein für die Energie-Erzeugung und Energie-Sicherung für die Löwenstadt. Gesprächspartner: der Vorstandsvorsitzende Francis Kleitz und seine Vorstandskollegen Paul Anfang und Christof Schifferings.

Macht es zurzeit eigentlich Freude, Chef eines Energieunternehmens zu sein?
Francis Kleitz: Nun ja, Freude... Die dramatischen Ereignisse in Japan in den vergangenen Wochen lassen einen natürlich nicht
kalt, auch wenn die Debatte "für und wider Atomkraft" vor allem eine politische Debatte ist, in die wir uns als Wettbewerber auf dem Energiemarkt nicht so viel einmischen können. Erst wenn die Rahmenbedingungen gesetzt sind, können wir als Unternehmen handeln. Hauptsache, diese Rahmenbedingungen haben Bestand, sonst können wir nicht langfristig investieren. Und dann macht es auch mit Sicherheit Freude, ein Energie-Unternehmen zu leiten, vor allem, wenn es so erfolgreich ist wie BS|ENERGY.
Die Energiepolitik beherrscht in den vergangenen Wochen die Bericht- erstattung der Medien. Und da sind es gerade auch die politisch Handelnden, die für eine gewisse Unruhe in der Debatte sorgen. Wünschen Sie sich als Unternehmenslenker da nicht manchmal mehr Ruhe und Gelassenheit?
Francis Kleitz: Auf alle Fälle. Wichtig sind langfristige Konzepte, die nicht aus Hektik entstanden sind und sich nach Partei- und kurzfristigen Wahlinteressen richten. Die Politik sollte Entscheidungen treffen die langfristig Bestand haben und auch mal einen Regierungswechsel überdauern.
Welche Auswirkungen haben die wechselnden Rahmenbedingungen denn zum Beispiel für BS|ENERGY?
Francis Kleitz: Nun, zunächst war der Ausstieg aus der Kernenergie eine politisch beschlossene Angelegenheit. Dann kam die Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke. Unsere Entscheidung, ein Gas- Dampfturbinenkraftwerk zu bauen, ist im Rahmen des Szenarios "Atomausstieg" getroffen worden. Und die Inbetriebnahme erfolgt nun wieder unter anderen Umfeldbedingungen. Solch eine "Achterbahnfahrt" kann natürlich negative Auswirkungen auf uns als Marktteilnehmer haben.
Sie fordern also eine gewisse Stabilität bei politischen Entscheidungen ein?
Christof Schifferings: Ja unbedingt. Im Augenblick geht es darum, das Rad wieder zurückzudrehen. Dorthin, wo wir schon einmal waren, nämlich zum politisch beschlossenen und auch vom Wähler "bewilligten" Atomausstieg. Auf dieser Basis haben wir ja unsere Investitionsentscheidung getroffen. Das Thema in Deutschland ist auch nicht die Akzeptanz des Atomausstieges, sondern eine
Frage der Verlässlichkeit der Politik mit Blick auf eine langfristige und nachhaltige Energie-Versorgungsstruktur in Deutschland.
Paul Anfang: Es muss noch einmal ausdrücklich gesagt werden, weil es für uns als BS|ENERGY auch wichtig ist: Im Nachgang zu dem Moratorium und der Überarbeitung des Energiekonzeptes müssen wir Klarheit haben, wie wir uns über einen längeren Zeitraum gesehen sicher positionieren können. Davon profitieren dann natürlich auch unsere Kunden, die Bürger Braunschweigs.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, für das Sie eine stabile Planungssicherheit benötigen?
Christof Schifferings: Ja natürlich. Zum Beispiel für Speicherkapazitäten. Wenn die Bundesregierung ihr Ziel bestätigt, bis 2050 Strom zu 80 Prozent aus erneuerbaren Energien zu haben, benötigen wir eine ganze Reihe von begleitenden Maßnahmen, die den Energiemarkt prägen werden. Wenn zum Beispiel kein Wind weht oder keine Sonne scheint, benötigen wir enorme Speicherkapazitäten. Und diese Energie muss natürlich auch zum Kunden transportiert werden. Diese Fragen beschäftigen uns heute. Wir müssen sehen, ob wir da Entwicklungschancen haben.
Für erneuerbare Energien aus Wind und Sonne ist Braunschweig aus geografischen Gründen kein so gutes Pflaster und dennoch setzen Sie auf die nachhaltige Energieerzeugung?
Francis Kleitz: Wir setzen dabei auf intelligente Technik. Bereits 2007 haben wir hier in Braunschweig eine riesige Biogasanlage gebaut. Damals haben sich die vier größten Energieanbieter Deutschlands für diesen Markt noch gar nicht interessiert. Und jetzt unser Gas- und Dampfturbinenkraftwerk, auch da haben wir – was neue Technologien angeht – die Nase vorn.
Wird BS|ENERGY denn in der Lage sein, mit Strom aus erneuerbaren Energien alle Haushalte in Braunschweig zu versorgen?
Paul Anfang: Wir sind in der Lage, mit unseren eigenen Energie-Erzeugungsanlagen die Braunschweiger Haushalte atomstromfrei zu versorgen. Die Versorgung ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energien wird sicher in absehbarer Zeit möglich sein. Hierfür sind jedoch noch wesentliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
Ist es denkbar, dass im Zuge der Energiewende Energie knapp werden könnte?
Francis Kleitz: Ich bin sicher, es wird keine Energieknappheit geben. Mögliche Lücken wird der Markt immer wieder füllen. So wie wir jetzt in ein Gaskraftwerk investieren. Das ist aus meiner Sicht eine gute Brückentechnologie. Mit Gas können kurz- und mittelfristig Engpässe geschlossen werden.
Paul Anfang: Den Kunden interessiert im Moment mit Blick auf die Kernkraft eine Minimierung des Risikos der Stromerzeugung, er will etwas für den Klimaschutz tun, er will sicher versorgt werden und das zu einem annehmbaren Preis. Wir als Unternehmen sind natürlich da- ran interessiert, dass sich unsere Investitionen akzeptabel verzinsen.

Christof Schifferings: Damit sind wir bei unserem Gas- und Dampfturbinen- Kraftwerk. Das ist einmal ein Beitrag zum Ausstieg aus der Kernenergie, es hilft aber auch, unsere Klimaschutzziele zu erreichen. Denn Gas ist bekanntlich der CO2-ärmste fossile Energieträger. Zudem sind Gaskraftwerke der perfekte Partner zu erneuerbaren Energien. Denn sie liefern kurzfristig den Strom, wenn Sonne und Wind nicht zur Verfügung stehen.
Wie hoch war die Investitions-Summe in das neue Gas- und Dampfturbinenkraftwerk?
Francis Kleitz: Wir haben 85 Millionen Euro in diese Zukunftstechnologie investiert. Das ist eine Größenordnung, die auch für die Veolia- Unternehmensgruppe nicht alltäglich ist.
Und noch einmal nachgefragt: Was hat der Bürger von dieser Riesen-Investition?
Francis Kleitz: Zum einen hilft dieses Kraftwerk, den Bürger atomstromfrei zu versorgen. Und zum zweiten kann der Fernwärmebereich deutlich ausgebaut werden. Das ist gut, weil man mit Kraft-Wärme-Kopplung besonders effizient und klimaschonend Heizwärme erzeugen kann.

Christof Schifferings: Der Bürger, der mit Fernwärme heizt, kann einen persönlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten.
Paul Anfang: Wichtig ist doch auch, dass wir mit dieser Anlage den CO2-Ausstoß um 35.000 Tonnen jährlich einsparen. Der Bürger kann also von sich sagen, er wohnt in einer umweltfreundlichen Stadt.
Erwarten den Bürger nicht auch negative Auswirkungen, zum Beispiel zusätzliche Hochspannungsleitungen für den Transport der neuen Energie?
Paul Anfang: Wir betreiben in Braunschweig und der Region ein Stromnetz von 2.100 km Länge, etwa 98 Prozent davon liegen unter der Erde. Wir werden in die Verteilnetze investieren müssen, was aber nicht nur Braunschweig betrifft, sondern ganz Deutschland. Für uns als Unternehmen kommen da Belastungen im investiven Bereich zu.
Und diese Belastung schlägt sich auf die Strompreise nieder?
Francis Kleitz: Also, die Preise werden nicht in die Höhe schießen. Aber insgesamt bringen der Ausstieg aus der Kernkraft und die Hinwendung zu erneuerbaren Energien eine Preisentwicklung nach oben mit sich. Da wird aber auch der politische Wille umgesetzt.
Christof Schifferings: Der Strompreis ist sozusagen dreigeteilt: Der Ausbau der Netze und ihre intelligente Weiterentwicklung wird seinen Preis haben, die Energieerzeugung wird sicherlich auch teurer werden, aber in einem verträglichen Bereich. Den preismäßig größten Aufschwung wird es bei der Umstellung auf die erneuerbaren Energien geben. Hier sind die konventionellen Anlagen zurzeit sicherlich preiswerter.
Ist es eigentlich im Sinne Ihres Unternehmens, den Verbraucher zum Energiesparen anzuregen?
Paul Anfang: Energieeffizienz ist hier das Schlagwort. Der Bürger setzt dabei auf die Kompetenz der regionalen Energieversorger. Wir bieten unseren Kunden diese Beratung als Dienstleistung an. Wir sehen dies nicht nur als Service am Kunden, sondern stellen uns der politischen und gesellschaftlichen Verantwortung. Und das ist auch wieder im Sinne unseres Unternehmens.
Noch einmal kurz zusammengefasst: Was muss die Politik jetzt tun, um Ihre Vorstellungen zu erfüllen?
Francis Kleitz: Ich hoffe zum Beispiel, dass die politischen Entscheider ihre Förderungskriterien überdenken. Es sollten die erneuerbaren Energien gefördert werden, die am ehesten wirtschaftlich werden. Außerdem sollte das Vorhaben der EU gestoppt werden, ab 2013 die klimafreundliche Kraft-Wärme-Kopplung durch CO2-Zertifikate zu verteuern.
Christof Schifferings: Ich erwarte, dass Erdgas als perfekte Brückentechnologie eine bedeutendere Rolle bekommt und dass die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung deutlich in den Vordergrund gerückt wird. Und wir erwarten mit Hilfe des Bundes den Ausbau der Netzinfrastruktur, die Erforschung von Energiespeichern und eine Förderung der Bereitstellung von Speicherkapazitäten.
Paul Anfang: Der politische Zick-Zack-Kurs muss ein schnelles Ende haben. Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen für langfristige Investitionen. Ansonsten lassen sich die Ziele der Energiewende nicht erreichen.
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