Fußgänger auf der Petriwehrbrücke

Das Petriwehr - Denkmal mitten in der City

Am 13. September werden während des Tages des offenen Denkmals bundesweit Gebäude und Bauwerke für die Öffentlichkeit geöffnet. Der Wasserverband Mittlere Oker und die Stadtentwässerung Braunschweig GmbH präsentieren am Sonntag von 11 bis 12 Uhr das Petriwehr im Inselwallpark.

Claus Wilske ist als Fachmann vor Ort. Er kennt die vier Okerwehre – in Fließrichtung das Eisenbütteler Wehr, Petriwehr, Wendenwehr und Ölper Wehr – wie seine sprichwörtliche Westentasche. Die Stadtentwässerung Braunschweig GmbH (SE|BS), ein Unternehmen der BS|ENERGY Gruppe, betreibt die vier Wehre im Auftrag der Stadt Braunschweig.  Wilske war von 1989 an als Leiter des Gewässerdienstes der SE|BS sowie teils in Personalunion als Geschäftsführer des Wasserverbandes Mittlere Oker (WVMO) an mehreren Modernisierungen der Wehre beteiligt. Als letztes Großprojekt während seiner Dienstzeit bei der SE|BS war er verantwortlich für die Grundsanierung des Petriwehrs zwischen 2019 und 2022. Auch im Ruhestand ist der Bauingenieur mit Spezialisierung auf Gewässerunterhaltung noch als Projektingenieur für den WVMO tätig.

Bedeutung für Innenstadt-Gebäude

Die Wehre der Okerumflut waren einst Teile der Befestigungsanlage um die Innenstadt. „Bevor das heutige Petriwehr 1832 und das Wendenwehr 1850 gebaut wurden“, berichtet er, „gab es in den beiden Okerarmen mehrere kleine Wehre mit Staustufen von nur rund einem Meter.” Aktuell betragen die Staustufen des Petriwehrs und des Wendenwehrs im östlichen Okerarm je 2,65 Meter. Das bedeutet, dass der Pegel des angestauten Oberwassers an beiden Wehren jeweils gut zweieinhalb Meter höher liegt als das Unterwasser. „Der Anstau durch Petri- und Wendenwehr ist entscheidend für die gesamte Innenstadt“, erläutert Wilske: „Die alten Häuser sind auf Pfählen aus Eichenholz gegründet. Sinkt dort der Grundwasserstand, sind viele dieser Gebäude gefährdet, weil die Pfahlköpfe, wenn sie Luft bekommen, anfangen zu faulen.“ Als Pfahlkopf wird der obere Abschluss eines Gründungspfahls bezeichnet.

Blick auf das Petriwehr von oben
Foto: BS|ENERGY

„Der Anstau durch Petri- und Wendenwehr ist entscheidend für die gesamte Innenstadt. Die alten Häuser sind auf Pfählen aus Eichenholz gegründet. Sinkt dort der Grundwasserstand, sind viele dieser Gebäude gefährdet, weil die Pfahlköpfe, wenn sie Luft bekommen, anfangen zu faulen.“

Claus Wilske

Anfangs mit Schiffsschleuse

Das Anstauen des Wassers half auch früher schon, die Oker schiffbar zu halten. Waren von Handwerksbetrieben und Händlern aus der Stadt wurden flussaufwärts transportiert, etwa in Richtung Wolfenbüttel. In dem vor knapp 200 Jahren erbauten Petriwehr gab es anfangs sogar eine Schleusenkammer für Schiffe. Sie war allerdings nur knapp zehn Jahre in Betrieb. Dann veränderten sich die Transportwege. 1838 wurde Braunschweigs (alter) Bahnhof in Betrieb genommen. Die ehemalige Schleusenkammer wird seit 1840 als normales Durchlasswehr zur Regulierung des Oberwasserstandes genutzt. Ab dem 19. Jahrhundert wurden die Okerarme langsam auch für Freizeitaktivitäten wie Bootstouren zu Ausflugslokalen genutzt, etwa am Heinrichshafen, einem Altarm der Oker im Bürgerpark. „Heute nutzen vor allem Wassersportler und Freizeitkapitäne die Okerumflut“, weiß Claus Wilske: Kanuten, Ruderer, Tretbootfahrer und Stand-up-Paddler. Bei Gruppen beliebt sind die elektrisch angetriebenen Flöße.

Die ehemalige Schiffsschleuse, heute automatischer Wehrdurchlass. Foto: BS|ENERGY / Karsten Mentasti
Das Petriwehr vom Unterwasser ausgesehen: links der Fisch-Kanu-Pass. Foto: BS|ENERGY / Karsten Mentasti
Kayak-Fahrer im Kayak
Kajak-Fahrer des Braunschweiger Kanu-Clubs bei der Fahrt durch den Fisch-Kanu-Pass am Petriwehr. Foto: BS|ENERGY / Karsten Mentasti

Oker wäre nur ein Rinnsal

Durch das Anstauen finden auch auf Feuchtigkeit und Wasser angewiesene Tiere und Pflanzen in den Uferzonen ganzjährig Lebensraum. „Wer die Okerumflut befährt, wird im Sommer mit Sicherheit im Uferbereich Enten und andere Wasservögel mit ihrem Nachwuchs entdecken. Auch Exemplare der blau-schwarz schimmernden Hufeisen-Azurjungfer und andere Libellenarten schwirren knapp über den im Fluss wachsenden Seerosen”, betont Laura Amelung, Leiterin des Gewässerdienstes bei der SE|BS.

Ebenso dürften Nutrias und andere Nager mit ihren Jungen den Booten neugierig entgegenblicken. Nachts jagen Fledermäuse Insekten knapp über der Wasseroberfläche. „Würde die Oker nicht angestaut, wäre der Fluss die meiste Zeit nur ein kleines Rinnsal“, sagt Claus Wilske.

Gebänderte Prachtlibelle auf gelber Seerose
Eine gebänderte Prachtlibelle ruht sich auf einer Seerose auf der Oker aus. Foto: Dr. Diana Goertzen
Das Petriwehr wurde zwischen 2019 und 2022 einer Grundsanierung unterzogen. Foto: BS|ENERGY
Der Steg und die Terrasse an der Ausfahrt des Fisch-Kanu-Pass ist ein beliebter Treffpunkt an der Oker. Foto: BS|ENERGY
Blick in die Baustelle des Fisch-Kanu-Pass im Dezember 2021
Bau des Fisch-Kanu-Pass im Rahmen der Grundsanierung des Petriwehrs. Foto: BS|ENERGY
Blick in die Baustelle des Fisch-Kanu-Pass am Petriwehr
Blick in den Fisch-Kanu-Pass kurz vor Fertigstellung im April 2022: Mit Hilfe schräg eingebauter Matten mit Borsten können die Wasserbewohner am Wehr vorbei flussaufwärts schwimmen und sich dabei in Kammern unter dem Steg ausruhen. Foto: BS|ENERGY
Zur ökologischen Durchlässigkeit wurde am Inselwall-Ufer ein Fisch-Kanu-Pass mit Steg gebaut. Damit ist die Oker erstmals seit Jahrhunderten für Fische wieder in beide Richtungen durchgängig. Foto: BS|ENERGY
Das Petriwehr besteht aus zwei automatisierten Stauwänden. Dazu kommen drei Schützfelder mit je drei hölzernen Handschützen. Foto: BS|ENERGY

Holzschütze werden manuell bedient

Das Petriwehr ist 26,28 Meter breit, dazu kommen am Ostufer noch der 1,60 Meter breite Fisch-Kanu-Pass und ein ebenso breiter Steg. Das Wehr selbst besteht aus zwei automatisierten Stauwänden. Dazu kommen drei Schützfelder mit je drei hölzernen Handschützen. Es steht, ebenso wie Wendenwehr und die beiden Okerumflutgräben, seit 1987 unter Denkmalschutz. Über die beiden aus Aluminium bestehenden und mit Holz beschlagenen Stauwände wird der Wasserpegel bei Normalwasser automatisch reguliert. Das Wasser fließt unterhalb der angehobenen Stauwände über die schräge Sohle des Wehres in die untere Oker. Wird mit erhöhtem Wasserzulauf aus der südlichen Oker gerechnet, etwa nach lang anhaltendem Regen oder wenn an der Okertalsperre im Harz gezielt größere Mengen Wasser abgegeben werden müssen, sind zusätzliche Maßnahmen erforderlich. Dann werden alle hölzernen Handschütze von Mitarbeitenden des Gewässerdienstes über Kettenseilzüge in die Höhe gezogen, um einen ungestörten Wasserabfluss sicherzustellen. „Die Kettenseilzüge könnte man auch automatisieren, die Bedienung wird aber aus Gründen des Denkmalschutzes manuell erledigt“, beschreibt Experte Claus Wilske. 

Zeitpunkt ist entscheidend

Um rechtzeitig zu reagieren, beobachtet der Gewässerdienst der SE|BS nicht nur die Wettervorhersagen. Laura Amelung erklärt:

„In die Berechnungen fließen Pegelmessungen an der südlichen Oker bei Ohrum, Schladen und Altenau ein. Auch direkt am Petriwehr gibt es drei Sensoren: einen beim Einstieg in den 2022 in Betrieb genommenen Fisch-Kanu-Pass, einen am Wehr am Oberwasser und einen nördlich davon im Unterwasser.” 

Wehrtafeln und Handschütze am Petriwehr werden bei Hochwassergefahr so früh geöffnet, dass zuvor gestautes Wasser in Richtung Norden abfließen kann, bevor die aus Süden zu erwartenden Wassermengen eintreffen. Dabei kann nicht für jedes Starkregenereignis ein Übertreten des Flusswassers auf flache Innenstadt-Uferbereiche verhindert werden. Das Risiko einer Überschwemmung wird aber deutlich gesenkt.

Pfeiler drohte einzustürzen

Das Petriwehr liegt direkt im Inselwallpark. Es kann von Fußgängern über die Petriwehrbrücke überquert werden. Bei der Sanierung des Wehres Anfang des Jahrzehnts wurde am Ostufer eine schön gestaltete Aufenthaltsfläche mit Bänken sowie Bootsanleger mit Treppen zum Sitzen geschaffen. Wie Claus Wilske erläutert, war die Grundsanierung notwendig, „weil Pfeiler des Wehres wasserdurchläufig waren“. In die aus Natursteinen bestehenden massiven Träger trat an der Südseite Wasser ein. Es bahnte sich durch das mit Schutt und kleineren Steinen gefüllte Pfeilerinnere seinen Weg und trat an der Nordseite „teils im armdicken Strahl wieder aus“, erinnert sich der Experte. Ein Pfeiler drohte gar einzustürzen. Zudem bestand die Gefahr der Unterspülung. Zur Vorbeugung wurden sieben Meter lange Stahlspundwände oberhalb und unterhalb des Wehres im Flussbett verankert. Diese wurden mit einer Vibrationsramme in den sandigen Untergrund abgeteuft. Parallel zu diesen Bauarbeiten wurde das Wehr an der Südseite trockengelegt, saniert und zusätzlich automatisiert. Es kann über eine Fernsteuerung von der Gewässerdienst-Zentrale in Steinhof und vom Betriebshof Eisenbüttel gesteuert werden.

Kayakfahrer fährt den Fisch-Kanu-Pass hinunter
Durch den Fisch-Kanu-Pass Foto kann das Wehr für Wassersportler einfach umfahren werden, ein anstrengendes Umsetzen und Umtragen der Boote ist nicht mehr nötig. Foto: BS|ENERGY
Zwei Personen ziehen ein Kayak flussaufwärts
Mitglieder des Braunschweiger Kanu-Clubs ziehen am Fisch-Kanu-Pass am Petriwehr zwei Boote flussaufwärts. Foto: BS|ENERGY / Karsten Mentasti

Fische können wieder wandern

Zur ökologischen Durchlässigkeit wurde am Inselwall-Ufer ein Fisch-Kanu-Pass mit Steg gebaut. Damit ist die Oker erstmals seit Jahrhunderten für Fische wieder in beide Richtungen durchgängig. Mit Hilfe schräg eingebauter Matten mit Borsten können die Wasserbewohner am Wehr vorbei flussaufwärts schwimmen und sich dabei in Kammern unter dem Steg ausruhen.

Gleichzeitig können Kanuten und Ruderer flussabwärts in ihren Booten den Fisch-Kanu-Pass überwinden. Flussaufwärts werden die Boote von den Sportlern nach oben gezogen. Ähnliche Anlagen gibt es bereits seit 1978 am Ölper Wehr und seit 2005 am Eisenbütteler Wehr. Dort liegen die Bereiche für Fische und Boote jeweils getrennt voneinander. „Ob Fische tatsächlich wandern, habe ich schon häufiger in Wathose in den Pässen stehend überprüft“, berichtet Claus Wilske. Beim Ölper Wehr mahnt er allerdings Verbesserungsbedarf an.

Tag des offenen Denkmals

Am Sonntag, 13. September berichtet Claus Wilske zwischen 11 und 12 Uhr über das Petriwehr. Eine Führung dauert zwischen 30 und 45 Minuten. Treffpunkt ist die Petriwehrbrücke.

Mehr als 6.500 Denkmaltüren öffnen jährlich am zweiten Sonntag im September am Tag des offenen Denkmals deutschlandweit ihre Türen für Besucher. Entdecken Sie sonst nicht zugängliche Orte, lassen Sie sich von historischen Handwerkstechniken begeistern oder blicken Sie Experten bei Restaurierungsmaßnahmen exklusiv über die Schulter. www.tag-des-offenen-denkmals.de

Auch Wendenwehr wird saniert

Für das Wendenwehr an der östlichen Okerumflut ist ebenfalls eine Grundsanierung geplant und der Bau einer Fischaufstiegsanlage angedacht. Die Maßnahme soll in drei oder vier Jahren beginnen. Die erforderlichen finanziellen Mittel müssen noch in den städtischen Haushalt eingestellt werden.

Die anderen Okerwehre von Süden nach Norden

Brücke am Eisenbütteler Wehr
Eisenbütteler Wehr (Oberwasser) - Ansicht vom Kennelweg aus. Foto: BS|ENERGY / Karsten Mentasti

Das Eisenbütteler Wehr

wurde 1941 zu einem Walzenwehr umgebaut. In den Durchlässen unter dem Betriebsgelände waren bis 1962 Turbinen eingebaut, mit denen die Stadtwerke Strom erzeugten. Das Eisenbütteler Wehr wurde 2011 umfangreich saniert und ist nun ein vollautomatisches Klappenwehr. Die Schützwände unter dem Betriebsgebäude dienen bei Hochwasser als zusätzlicher Entlastungs-Wasserablauf.

Ansicht des Wendenwehrs in Braunschweig
Wendenwehr (Unterwasser) - vom Wasser aus gesehen. Foto: BS|ENERGY / Karsten Mentasti

Das Wendenwehr

entstand um 1850 in der heutigen Form. Das Wehr wird über zwei Wände sowie vier Schützfelder mit jeweils drei Holzschützen gesteuert. Es liegt zwischen den Häusern der Straße Am Wendenwehr und dem Gaußberg und ist fast nur von der Wendentorbrücke aus sichtbar. Da die Jahrhunderte alte Maschinentechnik nicht für moderne Motoren ausgelegt ist, wird die baldige Sanierung des denkmalgeschützten Wehres vorbereitet.

Ölper Wehr in Braunschweig
Der Bau des neuen Ölper Wehrs, hier vom Oberwasser aus gesehen, ist eng mit der Entstehung des Ölper Sees in den 1970er Jahren verknüpft. Foto: BS|ENERGY / Karsten Mentasti

Das Ölper Wehr

ist ein Nachfolgebau des Ölper Mühlenwehres, das denkmalgeschützt noch existiert, aber keine Funktion mehr hat. Der Bau des neuen Ölper Wehrs ist mit der Entstehung des Ölper Sees verknüpft, der in den 1970er Jahren ausgehoben wurde, um Material für den Damm der Autobahn 391 zu gewinnen. Das Wehr wurde 1978 mit Fischtreppe und Kanupass fertiggestellt. Bei Hochwasser fließt Okerwasser über eine Überlaufschwelle in den Ölper See und kann dann über das Wehr nach Norden abgeleitet werden.

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