Forschungsstätte und Ruhepol

Ja, es gibt sie in Braunschweig – diese liebenswerten Orte, an denen man mit allen Sinnen eintauchen kann. Ganz gewiss zählt der Botanische Garten dazu. Unweit des Stadtzentrums gelegen, öffnet sich hier eine naturnahe Oase, die zugleich öffentlicher Entdeckungsraum der Technischen Universität ist. Ein Experimentierfeld der Wissenschaft mit Wasserfall und Blütenduft. Zu Besuch in einem floralen Faszinosum am Ufer der Oker.

Etwa 4.000 Pflanzenarten auf rund vier Hektar Fläche – eine Zahl, die beeindruckt. Bei weltweit rund 400.000 bekannten Pflanzenarten wird klar, dass der Botanische Garten in der Humboldtstraße auf seinem kompakten Raum etwa ein Prozent der globalen Pflanzenvielfalt vereint. Bemerkenswert ist der nationale Vergleich: Hier, mitten in Braunschweig, wachsen ungefähr ebenso viele Pflanzenarten wie in ganz Deutschland. Damit bietet der Garten einen außergewöhnlich dichten Überblick über die botanische Vielfalt. Konzentriert, zugänglich und eindrucksvoll erlebbar. Das ästhetisch angelegte Gelände ist klar strukturiert. Von der Nordamerika- bis zur Alpenflora, von der Sumpflandschaft bis zur Streuobstwiese.

 

Ein Entdeckungsraum mit Erholungswert

Wer das Areal betritt, verspürt eine wohltuende Ruhe. Wo sonst kann man im innerstädtischen Umfeld einen liebevoll gepflegten Bauerngarten genießen? Oder am Teich eines kleinen Biotops dem Froschkonzert lauschen? Eindrucksvoll sind auch die Schaugewächshäuser, in denen neben tropischen und subtropischen Pflanzen wie Bromelien und Kakteen auch insektenfressende Moorgewächse gedeihen. Außergewöhnliche Blattformen und Blütenstrukturen geben Einblicke in die Vielfalt exotischer Vegetation. Ein beliebtes Exemplar ist die in Südamerika beheimatete Riesenseerose Victoria cruziana. Neben der enormen Tragfähigkeit ihrer gigantischen Blätter verblüfft sie Besuchende durch ihr Fortpflanzungsverhalten: Im Spätsommer öffnet sie an nur zwei Nächten ihre weiße Blüte, um sie von Insekten bestäubt und rosa gefärbt für die Samenreifung wieder zu verschließen. Nur ein Beispiel für die vielen Raffinessen pflanzlicher Natur.

„Dies ist nicht nur ein Ort der Vielfalt, sondern auch ein Refugium für seltene und bedrohte Pflanzen – und damit ein lebendiges Archiv botanischer Kostbarkeiten.“

Prof. Dr. Robert Hänsch
Leiter des Instituts für Pflanzenbiologie der TU Braunschweig

Gartenplan des Botanischen Gartens. Bild: Institut für Pflanzenbiologie, TU Braunschweig

„Bereits im Frühjahr sorgen die zarten Blüten heimischer Orchideen inmitten einer Rasenfläche für beeindruckende Farbakzente. Solche Bestände sind keineswegs selbstverständlich und unterstreichen die hohe ökologische Qualität des Gartens.“

Prof. Dr. Robert Hänsch
Leiter des Instituts für Pflanzenbiologie der TU Braunschweig

Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft

Als Teil des Instituts für Pflanzenbiologie der TU Braunschweig ist der Ort ein wichtiges Freilandlabor für experimentelle Pflanzenforschung. Von wesentlicher Bedeutung ist auch die Wirkung nach außen. „Der Botanische Garten ist Braunschweigs grüne Oase – und zugleich das weit geöffnete Fenster der Technischen Universität zur Stadt und in die Gesellschaft,“ wie Prof. Dr. Robert Hänsch es formuliert. 1992 nahm er hier seine Arbeit auf, heute ist er Geschäftsführender Leiter des Instituts für Pflanzenbiologie. Die Leidenschaftlichkeit ist ihm sofort anzumerken. „Mich verbindet eine jahrzehntelange, ganz unmittelbare Nähe mit diesem besonderen Ort,“ sagt er. Umso bedeutender sei das Bestreben, diese Faszination für alle erlebbar zu machen. Der Förderverein Freunde des Botanischen Gartens e.V. mit rund 360 Mitgliedern ist ein Beleg dafür, wie viele Bürgerinnen und Bürger diesen Ort wertschätzen und sich aktiv dafür engagieren. So werden etwa Veranstaltungen, Vorträge oder Exkursionen organisiert.

Naturnähe für die junge Generation

Auch setzt man sich im Botanischen Garten intensiv dafür ein, den Nachwuchs für die Pflanzenwelt zu begeistern. Ein didaktisch bemerkenswertes Konzept ist die Grüne Schule Braunschweig im alten Flößerhaus. Seit der Gründung vor über 20 Jahren hat sich das Bildungsprojekt zu einem außerschulischen Lern- und Erlebnisort für Kitas und Schulklassen aller Jahrgänge entwickelt. Die Grundidee ist, botanische Phänomene und ökologische Zusammenhänge in ihrer natürlichen Umgebung hautnah zu vermitteln. Bewusst analog, altersgerecht und mit allen Sinnen erlebbar. Kinder und Jugendliche können hier experimentieren und sozusagen live in die Flora eintauchen – Strukturen ertasten, Gerüche wahrnehmen oder die Fangmethoden insektenfressender Pflanzen bewundern. Eine spannende und motivierende Ergänzung zum klassischen Biologieunterricht.

Forschungsfeld der Zukunftsfragen

Bei aller Faszination und Schönheit stehen in diesem paradiesischen Teil der TU natürlich auch ernsthafte Aspekte im Fokus: So forschen die Studierenden unter anderem nach Lösungsansätzen zum Thema Klimawandel und pflanzliche Resilienz. Professor Dr. Hänsch bringt es auf den Punkt: „Der Botanische Garten ist ein wichtiger Experimentierraum für Zukunftsfragen: Hier werden nicht nur Pflanzen kultiviert, sondern Erkenntnisse gewonnen, die für den Schutz unserer Ökosysteme von zentraler Bedeutung sind.“ Auf geschützten Versuchsflächen des Erweiterungsteils werden zum Beispiel Buchen und Eichen kultiviert, um die Zusammenhänge zwischen Nährstoffversorgung und Widerstandsfähigkeit gegen Umweltstress zu untersuchen. Hier tritt der wissenschaftliche Wesenskern des Botanischen Gartens also klar in den Vordergrund.

Anziehungspunkt im Wandel der Zeit

Seit seiner Gründung 1840 steht Braunschweigs Botanischer Garten im Dienst der Lehre und Forschung. Heute ist er mehr denn je eine Schatzkammer zum Entdecken und Genießen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zerstörte Bereiche neu angelegt und Gewächshäuser errichtet. Zeitgemäße Veränderungen prägen die Entwicklung des Gartens. Ein Meilenstein war die 1995 erfolgte Flächenerweiterung südlich der Humboldtstraße. Spektakuläres Zukunftsprojekt ist die neu geplante Verbindungsachse zwischen dem alten Teil im Norden und der südlichen Erweiterungsfläche: Ein Uferweg entlang der Oker mit einer Art Skywalk wird es künftig ermöglichen, unter der Brücke hindurch den gesamten Komplex fußläufig zu erkunden. Das bisherige Überqueren der Humboldtstraße wird damit entfallen. Nachdem kürzlich bereits ein barrierefreier Zugang zum Tropenhaus geschaffen wurde, ist das Ziel klar: Der Botanische Garten Braunschweig unternimmt viel, um den Menschen seine faszinierenden Facetten noch leichter zugänglich zu machen.

Aktuelle Infos zum Botanischen Garten finden Sie auf www.tu-braunschweig.de/ifp/garten

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