Technik im Verborgenen
Wie Braunschweigs Schmutzwasser zum Klärwerk gelangt
Wer denkt schon darüber nach, dass Schmutzwasser aus allen Ecken der Stadt fast von selbst in Richtung Kläranlage Steinhof fließt. Um das zu ermöglichen, sind in der Erde Hunderte Kilometer Leitungen mit einem Gefälle von 1 bis 2 Prozent verbaut.
Ganz ohne Pumpen geht es jedoch nicht. Insgesamt gibt es im Stadtgebiet 106 automatisierte, meist kaum sichtbare Pumpwerke. Mal ist nur ein Schaltschrank oberirdisch in der Nähe eines Schachtdeckels platziert, mal gibt es ein kleines Gebäude – die Pumpen sind wie die Leitungen frostsicher unter der Erdoberfläche verbaut. Braunschweigs Lebensadern der Stadt sind also bei weitem nicht nur Straßen und Tram-Schienen.
Dass die Stadt funktioniert, ist zu einem großen Teil ausgefeilter Technik im Verborgenen zu verdanken. Die unterirdische Entwässerung, mit deren Bau schon 1890 begonnen wurde, „läuft an jedem Tag im Jahr rund um die Uhr“, betont Steffen Jütte, Teamleiter Betrieb Netz Elektronik (BNE) und seit seinem ersten Ausbildungstag bei der Stadtentwässerung Braunschweig GmbH (SE|BS) tätig.
Im freien Gefälle geht’s weiter
In den Pumpwerken wird das im Gefälle ankommende Wasser hydraulisch soweit angehoben, dass es anschließend im freien Gefälle zum nächsten Pumpwerk gelangt. Die Kanalrohre aus Steinzeug, Beton oder Stahlbeton haben einen Durchmesser von bis zu zwei Metern. Es dauert rund sechs Stunden, bis Schmutzwasser aus den äußeren Winkeln zur Kläranlage Steinhof gelangt. Oberflächenwasser wird in der Regel kontrolliert in Gräben, Regenrückhaltebecken oder direkt in Fließgewässer geleitet.
Rund 90 Prozent des Schmutzwassers kommt am Biberweg in Ölper an: Dort ist das letzte Pumpwerk vor dem Klärwerk. Das Pumpwerk Ölper wird aktuell bei uneingeschränkt laufendem Betrieb als leistungsfähiges und zukunftssicheres Doppelpumpwerk neu gebaut.
Das Braunschweiger Kanalnetz zur Ableitung von Schmutz und Niederschlagswasser ist ca. 1.450 Kilometer lang. Das Klärwerk gehört dem Abwasserverband Braunschweig. Die Stadtentwässerung Braunschweig GmbH (SE|BS) ist dort technische Betriebsführerin.
Die Kanäle werden im Auftrag der Stadt von der SE|BS gewartet, gepflegt, repariert – und weiterentwickelt. „Wenn irgendwo ein Neubaugebiet entsteht, entscheiden unsere Hydrauliker, ob die vorhandene Infrastruktur ausreicht oder nachgebessert werden muss“, sagt Jean-Pascal Lapschieß, Teamleiter Betrieb Netz Mechanik (BNM) bei der SE|BS.
Spezieller Blick auf die Stadt
Steffen Jütte, Pascal Lapschieß und die 16 Fachkräfte aus ihren Teams haben einen speziellen Blick auf die Stadt. Wird eine Absperrung eingerichtet oder ein Gerüst aufgebaut, geht ihr Blick sofort zu den Schachtdeckeln auf Straße oder Fußweg. Die Schächte müssen frei zugänglich bleiben, damit bei Störungen sofort reagiert werden kann, auch am Wochenende oder nachts. Die Teams BNE und BNM sind für Betrieb, Steuerung und Instandhaltung der technischen Anlagen des Kanalnetzes verantwortlich.
Viele technische Raffinessen ermöglichen den Betrieb. Rund um die Uhr gibt es mehrere Bereitschaften, die tätig werden, wenn der Betrieb des Kanalsystems ins Stocken gerät oder Starkregen droht. Sensoren melden Fehlfunktionen an die Leitwarte, die 24 Stunden am Tag auf der Kläranlage besetzt ist. Das können akute Verstopfungen im Kanalnetz sein oder der Ausfall einer Pumpe.
Lässt sich das Problem nicht sofort lösen, wird vor Ort nach der Ursache gesucht. „Andernfalls rücken wir aus, um die Ursache zu finden und zu beheben“, sagt Sven Redmann, Industriemechaniker aus der technischen Instandhaltung.
Riesiger Bau in der Tiefe
Neben Ölper gibt es weitere Knotenpumpwerke: an der Donaustraße/Weststadt, am Autobahnkreuz Süd sowie für die Innenstadt das Pumpwerk Inselwall. Dort wird die Charakteristik „Technik im Verborgenen“ besonders deutlich. 2007/09 wurde die Anlage um ein zweites Pumpwerk zum
Hochwasserschutz der Innenstadt erweitert. Die Baumaßnahme ging vor allem in die Tiefe: Ins Erdreich wurde ein zehn Meter tiefes und 32 Meter langes Gebäude mit vier leistungsfähigen Mischwasserpumpen gebaut.
Für Spaziergänger im Inselwallpark ist davon heute kaum etwas zu sehen – die Parkanlage wurde nach historischen Plänen wiederhergestellt und das alte Pumpwerksgebäude nur um einen garagengroßen Anbau ergänzt. Der unterirdische Komplex liegt direkt neben dem Bestandsgebäude.
Nicht im WC entsorgen!
Der Hauptgrund für Pumpwerk-Störungen sind mechanische Einflüsse, allen voran feuchtes Toilettenpapier, auch Kondome, Tampons, Windeln oder Wischlappen. Sie alle gehören in die Restmülltonne. Auch in Ausguss oder Toilette entsorgtes Kochfett gehört zu den Pumpenkillern. Fett gehört ebenfalls in den Restmüll.
Ausbildung
Für Betrieb und Wartung der Pumpwerke bildet die SE|BS in Zusammenarbeit mit BS|NETZ selbst aus. Die Ausbildung zum Industriemechaniker oder Elektroniker für Betriebstechnik dauert dreieinhalb Jahre. Eine Übernahme für mindestens eineinhalb Jahre wird bei bestandener Prüfung garantiert.
Mehr Infos zu Ausbildungsberufen bei der SE|BS wie Umwelttechnologe oder -technologin und in der BS|ENERGY Gruppe gibt es auf www.bs-energy.de.