Täglich unterwegs an Flüssen und Gräben
Zu allen Jahreszeiten, aber vor allem im Sommer, stehen Oker und die anderen Flüsse im Stadtgebiet im Fokus. Naturverträglicher Wassersport ist beliebt, die Ufer werden gerne zur Naherholung genutzt. Dass die Fließgewässer und Gräben im Stadtgebiet regelmäßig kontrolliert und unterhalten werden, ist dagegen weniger bekannt.
Facharbeitende des Gewässerdienstes der Stadtentwässerung Braunschweig GmbH (SE|BS) sind im Auftrag der Stadt Tag für Tag zur Pflege und Unterhaltung der vier großen Okerwehre sowie der Gewässer und Regenwasserrückhaltebecken im Stadtgebiet unterwegs. Als Tochter der BS|ENERGY Gruppe ist die SE|BS also nicht nur mit dem Abwassernetz, dem Betrieb von mehr als 100 Pumpwerken sowie als technische Betriebsführerin mit den Abläufen im Klärwerk Steinhof betraut. Auch das Team Gewässerdienst hat ein vielfältiges Spektrum an Aufgaben inklusive des Hochwasserschutzes.
Doppelfunktion der Wehre
Die vier Wehre Eisenbütteler Wehr, Petriwehr, Wendenwehr und Ölper Wehr halten den Wasserstand der innerstädtischen Oker konstant auf dem behördlich vorgegebenen Stauziel. Je nach Durchfluss und Wetterlage werden sie teils automatisch, teils händisch so eingestellt, dass der gewünschte Wasserstand erhalten bleibt. Dieser ermöglicht Floßfahrten und Wassersport, bietet Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Als Schutz vor Hochwasser und somit vor Überflutungen gewässernaher Gebiete ist der intelligente Einsatz dieser Wehre entscheidend. Sie werden vor angekündigten Extremwetterlagen wie Hochwasser oder Starkregen frühzeitig weiter geöffnet.
„Eine unserer Kernaufgaben ist es, verschiedene Anforderungen miteinander zu vereinbaren: den sicheren Wasserabfluss zu gewährleisten und gleichzeitig ökologische Lebensgrundlagen zu bewahren. Deshalb stehen wir in engem Austausch mit der Unteren Naturschutzbehörde, der Unteren Wasserbehörde und den zuständigen Wasserverbänden.“
Laura Amelung
Abteilungsleiterin Betrieb Gewässer, SE|BS
Das Petriwehr - Denkmal mitten in der City
Das denkmalgeschützte Petriwehr wurde von 2019 bis 2022 umfangreich saniert, automatisiert und hat einen modernen Sicherheitsstandard erreicht. Zur ökologischen Durchlässigkeit wurde am Inselwall-Ufer ein Fisch-Kanu-Pass mit Steg gebaut. Damit ist die Oker erstmals seit Jahrhunderten für Fische wieder in beide Richtungen durchgängig.
Anlässlich des Tag des offenen Denkmals 2026 haben wir mit Claus Wilske ausführlich über das Petriwehr gesprochen. Wilske war von 1989 an als Leiter des Gewässerdienstes der SE|BS sowie teils in Personalunion als Geschäftsführer des Wasserverbandes Mittlere Oker (WVMO) an mehreren Modernisierungen der Wehre beteiligt.
Gefahr durch E-Scooter im Fluss
Fahrzeuge und Geräte mit Batterien oder Kraftstoffen, die lange im Wasser liegen, sind ein massives Umwelt- und Sicherheitsproblem. Durch Korrosion oder Beschädigung der verbauten Akkus können hochgiftige Chemikalien und Schwermetalle austreten, die der Tier- und Pflanzenwelt schwer schaden.
Außergewöhnliche Funde
Wenn der Wasserstand der Oker durch behördliche Aufforderung abgesenkt wird, ist der Grund fast immer die Zugänglichkeit von Baustellen an Wehren, Einleitstellen oder Brücken. „Dann sammeln wir verstärkt Abfall wie Fahrräder, E-Scooter, Einkaufswagen und Sperrmüll aus dem Wasser“, beschreibt Laura Amelung, „teils auch nach Hinweisen aus der Bevölkerung.“ Die Fundsachen türmen sich nun als Schrott auf dem Betriebshof des Gewässerdienstes.
„Wir mussten schon Waffen, ein Motorrad, Möbel und einen leeren Tresor bergen.“
Heiko Haas
Teamleiter, Gewässerdienst, SE|BS
Die Routinearbeit während täglicher Rundfahrten zu Wehren und Sieben vor verrohrten Durchlässen erfordert körperliche Belastbarkeit. Oft ist es eine Kombination aus manueller Arbeit im Wasser und an den Böschungen mit Bedienen schwerer Maschinen. Im Herbst schöpfen die Facharbeiter des Gewässerdienstes tonnenweise Blätter und pflanzliches Treibgut aus dem Wasser, damit Siebe nicht verstopfen und lokale Überschwemmungen verhindert werden.
Suche nach Wirbellosen
Das Team des Gewässerdienstes ist nur bei Bedarf mit Mähboot oder Schuten auf dem Wasser unterwegs. Dagegen gehört bei Dr. Diana Goertzen eine wasserdichte Wathose zur Arbeitskleidung. Die Diplom-Biologin aus der Abteilung Landschaftsökologie und Umweltsystemanalyse des TU-Instituts für Geoökologie untersucht für die SE|BS seit 2014 die Gewässerstruktur und -güte in Gräben und Flüssen der Stadt. Sie untersucht, welche wirbellosen Wassertiere wo vorkommen – etwa Schnecken, Krebse und Insektenlarven. Anhand der Ergebnisse lässt sich die Wasserqualität bewerten. Ziel ist es, durch geeignete Maßnahmen die natürliche Selbstreinigungskraft der Gewässer zu stärken. Erforscht wird auch, wie sich städtische Faktoren, Gewässerunterhaltung und der Klimawandel auswirken.
Hohe Artenvielfalt an der Schunter
Ein positives Beispiel ist die 2022 beendete Schunter-Renaturierung zwischen Butterberg und Rühme. „Die Anzahl von gefährdeten Arten und solchen, die einen guten Gewässerzustand anzeigen, hat nach der Renaturierung zugenommen, etwa bei den Köcher- und Eintagsfliegenlarven“, sagt die Wissenschaftlerin. Ein Grund sei, dass durch den Einbau von Totholz oder Kiesbänken Bedingungen geschaffen wurden, die den Fluss dabei unterstützen, selbständig natürliche Strukturen auszubilden. Dazu gehören schneller und langsam fließende Abschnitte und eine vielfältige strukturierte Gewässersohle. So können vielfältige Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten entstehen. Sie bilden optimale Lebens- und Laichräume für Insekten und Fische.